So funktioniert die freie Marktwirtschaft
Maurice Forgeng Topics - Society Friday, 22 April 2011 14:05 | Print |  E-mail
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Marktstand

Seit vielen Jahrzehnten schon leben wir in einer freien Marktwirtschaft durch die Globalisierung. Die Länder betreiben Import und Export und tauschen so ihre Waren aus. Wo ein Überfluss einer bestimmten Ware oder Dienstleistung ist, wird diese in die ganze Welt exportiert und bei Mangel wird die jeweilige Ware oder Dienstleistung einfach vom Weltmarkt aufgekauft. Was sich auf den ersten Blick so gut und praktisch anhört, hat auch seine ernstzunehmenden Schattenseiten. 

Denn das Konzept der freien Marktwirtschaft bedeutet nicht für alle Staaten und Menschen Freiheit. Diese Art der Freiheit genießen genau genommen nur die Industrieländer der ersten Welt. Da wir in der ersten Welt im Laufe der letzten Jahre immer mehr, vor allem elektronische, Waren zu immer günstigeren Preisen erwerben konnten, muss man sich die Frage stellen, wie es dazu kommen konnte und welche Umstände sich geändert haben. Inzwischen bezahlen nämlich schon lange nicht mehr wir den vollen Preis für die ganzen Artikel der Warenhäuser, sondern eben zu einem großen Teil diejenigen, die sie in Billiglohnländern produziert und jene, welche die Rohstoffe dafür gefördert haben.

Die Vorraussetzungen für so einen Status Quo sind eine ausreichende Menge an Entwicklungsländern, in denen die dortigen Arbeitskräfte teils schwerste und gefährlichste Arbeiten verrichten. Der Stundenlohn beträgt dabei selten mehr als umgerechnet 0,50€, oft auch nur ein Bruchteil dessen, je nach Land. Für diese Arbeitskräfte ist dies aber meist der einzige Weg, um für sich und ihre Familien legal an Lebensmittel zu gelangen und der Armut etwas zu entrinnen.

Im Folgenden nun einige Beispiele der Rohstoffbeschaffung:

Schwefelabbau in Indonesien findet hier an einem der aktivsten Vulkane weltweit statt – dem Vulkan Ijen. Die Menschen, die dort die Schwefelbrocken mit Eisenstangen abklopfen sind nicht angestellt. Sie kommen aber praktisch jeden Tag, denn es ist ein besser bezahlter Job in diesem Land. Rund 4 Cent wird für das Kilo an der Sammelstation direkt ausbezahlt. Zwei bis drei Ladungen (jeweils 50-90 kg) Schwefelgestein tragen die Arbeiter die etwa acht Kilometer weite und steinige Strecke hinab zur Sammelstation.

Damit nicht genug. Da der aktive Vulkan ständig 200°C heißen Schwefeldampf absondert, ist diese Gegend extrem säurehaltig. Der dortige Kratersee hat beispielsweise einen pH-Wert von gerade einmal 0,3 – das ist aggressiver als Batteriesäure. Die Folgen für die Arbeiter nach einem Arbeitstag am Vulkan: 4-11 Euro Einnahmen, von der säurehaltigen Luft zerfressene Lungen, brennende Augen, blutige Hautekzeme und eine schiefe Wirbelsäule von der Last der Schwefelbrocken, welche in zwei Körben geschultert transportiert werden.

Und dabei kommt in den Industrieländern Schwefel als Abfallprodukt der Petrochemie im Überfluss hervor. Verwendet wird der Schwefel vor allem in Zuckerraffinerien, der Kosmetik- und Medizinindustrie und zur Herstellung von Sprengstoffen.

Beim Stichwort Diamanten hat sicher jeder schon mal auch den Begriff ‚Blutdiamant’ gehört, nachdem auch der bekannte Film 'Blood diamonds' mit Leonardo diCaprio gedreht wurde. So nennt man Diamanten mit deren Erlös gewaltförmige Konflikte bezahlt werden. Sie werden auch meist unter Verletzung von Menschenrechten abgebaut. Nicht selten geht es hier um Sklaverei, Kindersoldaten und Morde.

Am Beispiel der Marlin-Mine im guatemaltekischen Hochland lässt sich zeigen, welche Konflikte auch der Goldabbau mit sich bringt. Seit 5 Jahren wird hier nach Gold geschürft, und ebenso lange gibt es Streit. Weil die Sicherheitskräfte die Proteste teils gewaltsam unterdrücken, kamen dabei auch Menschen ums Leben. Menschenrechtler beklagen, der Konflikt um Marlin habe zu einer Militarisierung der Region und wachsender Gewalt geführt. Weil Gold häufig über Tage abgebaut wird, zerstört die Förderung große Flächen Land. So auch in Guatemala: In der Marlin-Mine wird Gold sowohl unter Tage als auch in oberirdischen Gruben abgebaut. Der Landverbrauch werde die Landwirtschaft in der Region beeinträchtigen und den Hunger verschlimmern, befürchtet die guatemaltekische Menschenrechtsgruppe UDEFEGUA (Vereinigung zum Schutz von Menschenrechtlern in Guatemala). Ein Wasserkraftwerk, das die Grube mit Energie versorgen soll, wird zusätzliche Flächen benötigen.

Natürlich kann man noch viele weitere Beispiele nennen wie z. B. Baumwollplantageernten, Lebensmittelgewinnung, Produktion von Kleidung oder eben elektronischen Waren und viele weitere…

Wir sollten uns immer dessen im Klaren sein, unter welchen Bedingungen und zu welchem Preis bestimmte Alltagsprodukte hergestellt wurden – vor allem aber, wer diesen Preis bezahlt hat und welche Einschränkungen der Lebensqualität dafür in Kauf genommen wurden.

Mit dem Kauf von regionalen Produkten kann man schon viel erreichen. Vor allem aber, wenn die breite Masse mit diesem Bewusstsein ihr Konsumverhalten umstellt, kann viel erreicht und zum besseren verändert werden.

 

video_iconWie frei ist die freie Marktwirtschaft wirklich?

 

Maurice Forgeng